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Aus meinem Bücherregal

Mein buntes Bilderwörterbuch


Das Kinderbuch "Mein buntes Bilderwörterbuch" von Horst Lemke ist eigentlich ein politisch völlig neutrales Buch, um Kindern die deutsche Schriftsprache näher zu bringen.

Es ist erschienen im Axel Juncker Verlag in München, und es richtet sich laut Vorwort ausdrücklich an Eltern, die darauf achten, "das Wissen ihrer Knaben und Mädchen altersgemäß und in der richtigen Weise zu formen".

Das Buch enthält keine Geschichten, es gibt keine langen Handlungen, sondern nur kurze Sätze und Bilder, die jeweils einen Begriff beschreiben. Es sind gängige Substantive und Verben der deutschen Sprache, zu jedem einzelnen Wort gibt es eine Zeichnung und einen Satz, meistens ein kurzer Hauptsatz. Ab und zu ist es ein Ausruf, nur selten folgt ein zweiter Satz oder ein Relativsatz.

Am Ende des Buches folgen noch die ganzen Zahlen von Null bis Zwölf, die Farben einschließlich Schwarz und Weiß, und schließlich ein paar gegensätzliche Begriffspaare wie kurz-lang, rund-spitz oder dünn-dick.

Das Dreieck wird einem Viereck gegenübergestellt, und die Kugel einem Kreis. Für mich als Kind war es damals genau diese Gegenüberstellung von Kugel und Kreis, die ich nicht verstanden habe. Den Unterschied zwischen Kugel und Kreis konnte mir auch meiner Mutter nicht so erklären, daß ich es verstanden hätte. Es dürfte wahrscheinlich auch heute den meisten Erwachsenen schwer fallen, kindgerecht zu erklären, was der Unterschied zwischen einer Kugel und einem Kreis ist.

So erscheint auch in meiner Rückbetrachtung als inzwischen erwachsener Mensch, im Berufsleben und in der Gesellschaft verankert, dieses Buch als eine rein technische Begriffserklärung, ein Lehrbuch der deutschen Sprache.

Und doch zeigt dieses Kinderbuch deutlich die Gesellschaftspolitik und die Geschlechterrollen der damaligen Zeit: Anfang der 1970er-Jahre ist dieses Buch erschienen, also in der nicht mehr ganz so jungen Bundesrepublik.

Ja, es wurde verfasst in Deutschland, auf den Zeichnungen erkennt man typische deutsche Eigenarten und einmal sogar die Stadt Berlin. Es ist keine Übersetzung aus dem Englischen, wie viele andere Kinderbücher der damaligen Zeit, die Technik erklären, sondern es ist ein in der Bundesrepublik Deutschland entstandenes Werk.

Die Gleichberechtigung von Frau und Mann war schon seit zwei Jahrzehnten im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert. Und doch bringt dieses Buch den heranwachsenden Kindern die traditionelle Rollenverteilung bei: Mädchen und Frauen haben lieb und addrett zu sein, die Mutter macht den Haushalt, backt Kuchen, putzt die Wohnung und kleidet sich schön, wenn der Mann abends mit Pfeife und Aktenkoffer aus dem Büro nach Hause kommt.

Hinten im Buch gibt es eine Doppelseite mit der Darstellung verschiedener Berufe. Die Krankenschwester, die Lehrerin, die Kindergärtnerin, die Frisörin (damals bereits mit "ö" geschrieben) stehen dem Arzt, dem Autoschlosser, dem Polizisten oder dem Lokomotivführer gegenüber.

So wird auch der heranwachsenden Generation subtil eingeimpft, daß die Berufswahl unter anderem durch das Geschlecht bestimmt wird. Gerade die handwerklich-technischen Berufe und die Berufe mit großem Ansehen sind den Männern vorbehalten. Und es sind nicht etwa nur die Wörter, also die Berufsbezeichnungen, die nach traditioneller Zuordnung im Maskulinum oder im Femininum geschrieben sind, auch die Zeichnungen des Berufsalltags zeigen die festen Geschlechterrollen.

Das wirkt umso erstaunlicher, wenn man in den Urheberrechtshinweisen erfährt, daß eine Jugendpsychologin (Dr. Irmgard Norden) als Fachbeirat hinzugezogen wurde. Eine Jugendpsychologin, selbst eine Frau, hält es nicht für erforderlich, korrigierend einzugreifen und die Geschlechter bei den Berufen bunt zu mischen?

Wäre es nicht gerade für die Eltern, die mit Hilfe dieses Buches darauf achten wollen, "das Wissen ihrer Knaben und Mädchen altersgemäß und in der richtigen Weise zu formen", im Sinne der
Förderung ihrer Kinder wichtig darzustellen, daß auch ihre Tochter später einmal Pilotin, Polizistin oder Lokomitivführerin werden kann, und daß dem Sohn beispielsweise auch der Beruf des Kindergärtners oder des Frisörs offensteht?

Doch dieses Buch taugt kaum als politischer Skandal, vielmehr zeigt es sehr deutlich, wie trotz im Grundgesetz festgelegter Gleichberechtigung das Rollenbild der Geschlechter in den 1970er-Jahren noch traditionell gefestigt war. Meine Eltern waren keineswegs unkritische Staatsbürger, aber dennoch dürfte ihnen der Traditionalismus, die Rückschrittigkeit dieses Buches nicht aufgefallen sein.

So wie auch das Wort "Neger" ganz selbstverständlich in diesem Buch vorkommt, im Innendeckel sogar das Wort "Neger" als prominentes Beispiel für den Anfangsbuchstaben "N" herausgegriffen wurde, so waren auch die althergebrachten Geschlechterrollen damals ganz selbstverständlich in der Gesellschaft akzeptiert.

Man könnte heute denken, dieses Buch stammte aus einer gänzlich anderen Zeit. Aber es liegt doch erst ein paar Jahrzehnte zurück. Ich habe dieses Buch als kleines Kind bekommen, heute bin ich erwachsen und berufstätig.

So wie ich, so stehen viele Menschen, die mit der in diesem Buch und in vielen anderen Kinderbüchern transportierten Gesellschaftsordnung aufgewachsen sind, heute mitten im Berufsleben oder sitzen an den Schaltstellen von Politik und Wirtschaft. Die Zeit ist nicht vorbei, die Vergangenheit wirkt weiter in die Gegenwart.

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